Bericht vom Jour Fixe Medien und Entwicklung
- Bericht von Geraldine de Bastion und Andrea Goetzke -
Am Freitag, den 24. April, waren wir auf der Fachtagung Medien und Entwicklung in Berlin eingeladen einen Vortrag zum Thema „Ubuntu und der Freedom Toaster – Offene Software und Digitale Kultur in Afrika“ zu halten.
Das breite Tagesprogramm beleuchtete das Thema „Medien und Entwicklung aus verschiedenen Perspektiven und lockte eine diverse Teilnehmerschaft an, wie Journalisten, Filmemacher, Radiomacher, Blogger, Autoren, Mitarbeiter von Entwicklungsorganisationen, und Studierende und Lehrende von Universitäten.
Der Tag begann mit einer Keynote der Professorin Dr. Alina Mungui-Pippidi der Hertie School of Governance in Berlin. Ausgehend von den aktuellen Bewegungen in der Republik Moldau und ihren eigenen gesammelten Erfahrungen stellte die Professorin Thesen auf welche Rolle Medien in Revolutionen spielen und wie man „freie“ Medien entwickelt. Darunter: Medien seien sowohl Akteur als auch Gegenspieler von Revolutionen. Die Freiheit der Medien muss auch ökonomisch gesichert und eine Kultur der Unabhängigkeit erst erlernt werden.
Perspektive Freie/Open Source Software
Als nächstes erläuterten wir anhand von Argumenten und Beispielen die Bedeutung von Freier/Open Source Software in afrikanischen Ländern. Freie Software ermöglicht z.B. lokale Software Anpassungen und Weiterentwicklungen entsprechend Mediennutzung und Bedürfnissen vor Ort, sowie Unabhängigkeit von Software-Systemen die in ganz anderen medialen Kontexten entstanden sind. So findet in Afrika momentan die Entfaltung digitaler Kultur v.a. im Mobilfunk statt, was dort die Entwicklung verschiedenster spezifisch angepasster mobiler Systeme inspiriert. In der Diskussion ging es um konkrete Fragen, z.B. zum Einsatz Freier Software in kleinen Radiostationen in West Afrika, ebenso wie um Herausforderungen zur Schwierigkeit Software Pakete bei schlechter Internetverbindung herunterzuladen, oder praktikable Argumente für Freie Software in der Arbeit mit Projektpartnern.
Perspektive Filmproduktion / Mediales Erzählen der eigenen Geschichten
Eine interessante Session gestaltete der Regisseur Tom Tykwer, der mit einem lokal rekrutierten Team in Kibera, dem größten Slum von Nairobi (und ganz Afrika), den Film „Soulboy“ gedreht hat. Schauspieler und Filmteam wurden vor Ort zusammengestellt, Geschichte und Drehbuch vor Ort von Slum-Bewohnern geschrieben. Tom und sein kleines Team fungierten v.a. als „Facilitator“, die Expertise einbrachten und den Prozess strukturierten. Der Film wird zur Zeit vor Ort in Kenia geschnitten. Das Projekt entstand im Rahmen der NGO „One Fine Day“, die sich für die künstlerische Ausbildung von jungen Menschen in Afrika engagiert.
Perspektive Mobiler Aktivismus
Christian Kreutz zeigte Beispiele auf, wie Mobiltelefone in Afrika von Aktivisten und NGOs genutzt werden um Menschen zu mobilisieren oder Inhalte zu verbreiten. Es sei spannend zu sehen was alles an Innovationen in verschiedenen afrikanischen Ländern hier gerade entsteht, wie Mobiltelefone als Interview-Tool (Voices of Africa), SMS zum Thema häusliche Gewalt die im Radio vorgelesen werden (Azur Developpement), oder Wahlmonitoring per Mobilfunk in Zimbabwe und Nigeria (per Frontline SMS). Faktoren wie hohe Kosten oder die Möglichkeit der Überwachung von Verbindungen stellen Herausforderungen für den mobilen Aktivismus in Afrika dar, der gerade erst am Anfang steht.
Perspektive Aufbau alternativer Radiostationen
Dr. Helmut Osang von der Deutsche Welle Akademie berichtete anschaulich von dem Versuch in Laos, einem Land in dem es keine Pressefreiheit, nur Staatsmedien, Top-Down „Protocol“ News und keine Demokratie gibt, eine „Bottom Up“ Radiostation einzurichten. Anstatt des klassischen Journalisten-Trainings baut die DW Akademie in einer ländlichen süd-laotischen Prinzip gemeinsam mit ihren Trainees einen kleinen Radiosender auf. Hier sollen anders als im Staatsradio, das die meisten Laoten ohnehin langweilt, Themen aus der lokalen Bevölkerung zur Sprache gebracht werden. Die jungen laotischen Journalisten im DW Programm recherchieren und produzieren Geschichten und Interviews von und mit Bewohnern aus dem Sendegebiet, für Laos ungewohnt und ganz neu.
Weitere Perspektiven des Tages waren: Medienanalyse (Dr. Martin Ritter), Evaluierung von Medienprojekten (Sophie Jannusch, CAMECO) und Community/Netzwerk-orientierte Medienprojekte zur Überwindung ethnischer/politischer/religiöser Trennlinien zwischen der Vielfalt von Radiostationen im Irak (Anja Wollenberg, mict).
Uns haben das Programm, der Ort (Hamburger Bahnhof) und die entspannt-interessierte Atmosphäre sehr gut gefallen – einen Dank an die Organisatoren von mict (media in cooperation and transition)!



